| |
2)
Was die Mathematik damit zu tun hat
Um zu den Ursachen der Probleme
in unserer Gesellschaft, wie auch in der ganzen Welt, vorzustoßen,
müssen einige Vorüberlegungen angestellt werde. Alle sich anbahnenden
Missstände haben eines gemeinsam: sie nehmen zu, ihre Entwicklung
beschleunigt sich geradezu: Die Klimakatastrophe, die Verschuldung, die
Ansprüche an Staat und Gesellschaft, die Flüchtlingsbewegungen, die Suchtproblematik, der
Verkehr, die sozialen Spannungen ..., sie alle wachsen. Wachstum aber
ist vor allem im Zusammenhang mit unserer Wirtschaft von Bedeutung. Die
Sorgen und Prognosen um unser Wirtschaftswachstum (WW) füllen die
Wirtschaftsseiten unserer Zeitungen. Wir blicken auf die Prozentpunkte
des WWs wie das Kaninchen auf die Schlange und wehklagen, wenn sie zu
niedrig ausfallen oder gar negativ werden! Mit 2% WW würde man sich
heute begnügen. Die Arbeitslosigkeit ginge aber erst bei 4-5% zurück.
"Wirtschaftsexperten" mahnen antizyklisches
Wirtschaftsgebaren des Staates an und übersehen dabei, dass trotz
einer durchschnittlichen realen Wachstumsquote von 3% die Arbeitslosigkeit
von 1970 bis 2000 von 149 Tausend auf 3,9 Millionen, auf das
24-fache, angestiegen ist!
Wer aber spricht von den
Konsequenzen dieser Wachstumsentwicklungen, und wer gar kann sich diese
überhaupt vorstellen? Wachstum, das alljährlich um einen bestimmten
Prozentsatz ansteigt, ist ein relatives, ein exponentielles Wachstum.
Die Kurven dieser Funktionen sind seit Jahrhunderten Thema des
Mathematikunterrichts. Kurvenverlauf und Eigenschaften
der Funktionen y=2x , f(x)=ex oder x -> ax
sind heute allgemeines Bildungsgut.
Die Exponentialkurven
steigen anfangs langsam an, um dann immer schneller anzuwachsen
und schließlich im Unendlichen zu verschwinden (Diagr.1).
Sie sind von allen mathematischen Kurven
jene, die am schnellsten über alle Grenzen hinauswachsen. Wachstum
an der senkrechten Achse steht für Wirtschaftsleistung, Wirtschaftskraft oder Wirtschaftswachstum,
1% WW z.B. lässt sich mit der
Gleichung W = 1,01x beschreiben, 5%iges WW gehorcht der
Funktion W = 1,05x. Setzt man 1950 als das Jahr 0 an,
in dem nach dem 2.Weltkrieg unsere Wirtschaft praktisch neu
gestartet wurde, so sieht man, dass ab 2000 (nach 50 Jahren) bei
durchschnittlich 2% WW die Wirtschaftsleistung in den nächsten
10 Jahren doppelt so stark wachsen müsste wie in der Zeit von 1960-70,
bei 5% gar siebenmal so stark. In etwa gleichem Umfang müsste
die menschliche Leistung steigen, wenn dieses Wachstum erreicht
werden soll.
Das
Wachstum, das Anwachsen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1950-2000,
lässt sich durch eine Exponentialkurve mit einem durchschnittlichen
Wachstum von 7% darstellen (Diagr.2).
Die Grafik zeigt auf, wie das Wachstum ab 2000 mit dann 2% bzw. 4%
ansteigen würde. Der Wachstumsknick bei dem von vielen
Wirtschaftsexperten als wünschenswertem 4%igem Wirtschaftswachstum ab
2000 ist fast unbedeutend.
Die mathematische Beschreibung
des realen Wirtschaftswachstums, in der man das BIP
inflationsbereinigt zugrunde legt, lässt sich exponentiell nur ungenau
mit einem durchschnittlichen Wachstum von 3,9% mathematisieren. Eine
genauere mathematische Beschreibung erhält man, vor allem infolge der
deutlichen Abflachung seit 1993, durch eine (nur) lineare Funktion
(Diagr.3). Die
durchschnittliche Zunahme des BIP bleibt zwar in absoluten Werten
konstant, die relativen (prozentualen) Zuwachsraten aber nehmen mit den
Jahren ab und werden graphisch durch eine negative Steigung
sichtbar (Diagr.4). Dies
ist ein kontinuierlicher Prozess, der den wachstumsgläubigen
Politikern und Wirtschaftlern die Augen öffnen sollte.
Warum aber, so ist nun zu
fragen, muss denn unsere Wirtschaft wachsen?
Würde es nicht
genügen, den erreichten Standard zu halten und - je nach Bedarf - das
eine oder andere zu verbessern, zu ergänzen oder zu ersetzen? Ließe
es sich nicht erreichen, dass die Einkommen in etwa gleich blieben ?
Dann müssten doch auch nicht
die Preise steigen, und das unwürdige Pokern zwischen den
Tarifparteien könnte entfallen. Also, warum Wirtschaftswachstum, warum
sogar gesetzlich verordnet? Das sog. Stabilitätsgesetz von 1967 (das
schon seit Jahren keine Anwendung mehr finden kann) verpflichtet den
Staat, WW durch staatliche Investitionen zu erzwingen, falls es
ausbleibt. Es muss also Gründe für die Notwendigkeit des WW geben,
aber wer kennt die schon? "WW ist ein Grundsatz der
Marktwirtschaft!", pflegen Politiker und "Experten" zu
formulieren, so, als wäre dies ein Axiom, eine Grundbedingung, und die
Wirtschaftswissenschaft eine Naturwissenschaft. Unsere Wirtschaftsordnung aber
ist von Menschen geschaffen. Für sie gilt das Kausalitätsprinzip ohne
Einschränkung. Jede Entwicklung hat ihre erkennbare Ursache, also auch
der Zwang zum WW.

|
Diagr.1
Diagr.2

Diagr.3

Diagr.4
|
|
04.12.2006 |
|
|