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3) Darüber spricht man nicht -
ein Tabu
Seit
Jahrhunderten gibt es ein Wachstum, das als selbstverständlich
angesehen wird: die Vermehrung unseres Geldes durch Zins und
Zinseszins. Deshalb wird unsere Gesellschaft auch kapitalistisch
genannt. Die Entwicklung der Geldvermögen lässt sich mit Diagr.5 veranschaulichen. Tragen wir nun
an der senkrechten Achse die Entwicklung des BIP (Bruttoinlandsprodukt)
und zum Vergleich das Geldvermögen an, so haben wir das Anwachsen der
Geldvermögen je nach Zinssatz vor Augen. Dabei gilt der Grundsatz für
"Anleger", je hochprozentiger, desto besser. Bei 7%
verdoppelt sich ein Kapital alle 10 Jahre, bei 10 schon alle 7 Jahre.
Dies ist der Grund, warum sich die Geldvermögen von 1950-2000 um das
200fache (!) vergrößert haben (Diagr.5).
Geld allein aber ist wenig wert, wenn es keinen Gegenwert dazu gibt.
Diesen Gegenwert kann man am Sozialprodukt BIP messen, ein
statistisches Maß für die Wirtschaftskraft der produzierenden
Industrie und des Dienstleistungsgewerbes. Dieses Bruttoinlandsprodukt
(BIP) ist im gleichen Zeitraum (nominal) nur auf das 40fache
angestiegen, im selben Umfang etwa wie die Löhne und Gehälter. Die
Einkommen sind also etwa proportional zur Wirtschaftsleistung gestiegen
(Diagr5a). Die Bankzinserträge
haben sich sogar um das 241fache vervielfacht (Diagr5b). Diese Milliarden fallen nicht
vom Himmel, sondern müssen erwirtschaftet werden und belasten somit
zunehmend die alljährlichen Wirtschaftsbilanzen, das BIP im Jahr 2001
schon mit über 18% (Diagr.5c).
Der überdimensionale Anstieg
der Geldvermögen aber (Diagr.5a und Diagr.5b), dem immer mehr die
wirtschaftliche Parität fehlt, bedeutet zumeist Verschuldung, denn
Geldvermögen und Schulden sind 2 Seiten der selben Medaille.
Da Geldüberschüsse nicht
einfach irgendwo aufbewahrt, sondern in wachsendem Umfang als Kredit
(oder zur Spekulation) weitergegeben werden, bedeutet dies einen ebenso
großen Anstieg der Verschuldung, also auf das 200fache. Bis auf wenige
Konzerne kämpfen deshalb praktisch alle Unternehmen - und vor allem
der Staat, die öffentliche Hand - mit ihren angewachsenen Schulden. Um
den Schuldendienst zu leisten, genügt es nicht, den gewährten Kredit
zu tilgen, auch die Zinsen müssen bezahlt werden. Dazu gibt es zwei
Möglichkeiten, entweder die Preise anzuheben oder mehr zu
erwirtschaften. Da höhere Preise meist die Konkurrenzfähigkeit
beeinträchtigen, bleibt nur der zweite Weg, der Zwang zum WW. Mit
zunehmend aggressiver Werbung wird versucht, die Binnennachfrage und
das Konsumverhalten der Verbraucher aufzuheizen. Dies fördert Konsum-
und Wegwerfmentalität, Ramsch und Fastfood breiten sich aus.
Massentierhaltung, Überdüngungen und wachsender Energiebedarf
belasten die Natur. Klima Veränderungen, Verseuchungen und Müllberge
werden zum lebensbedrohlichen Problem. Die Kultur und das
wünschenswerte qualitative Wachstum bleiben auf der Strecke. Solange
dieses System funktioniert, steigen damit meist automatisch die
Kapitalgewinne. Dies veranlasst die Gewerkschaften wiederum, für die
Arbeitnehmer, die dieses Wachstum ja erarbeitet haben, den
entsprechenden Anteil einzufordern.
Da im Inland die Bedürfnisse
zum großen Teil befriedigt sind, setzt die Wirtschaft der
Industrieländer auf Export, auf jene Länder, die man glaubt, auf
unseren Standard entwickeln zu müssen. Damit diese
"Entwicklungsländer" in der Lage sind, unsere Produkte zu
kaufen, werden großzügig Kredite gewährt, in der Hoffnung, dass
"es sich rechnet", d.h. dass die Waren abgesetzt werden, Zins
und Zinseszins zurückfließen oder wenigstens mit zur Verfügung
stehenden Ressourcen - zu niedrigen Preisen – verrechnet werden. Auf
diese Weise entwickelt sich seit 1972 die Weltverschuldungskrise und
damit die Verarmung von 2/3 aller Staaten dieser Erde. Über 400
Millionen Dollar Zinsen zahlen diese Länder an die Industriestaaten - täglich! Unsere
Entwicklungshilfen und Spenden sind nicht einmal halb so hoch und
degenerieren letztlich zu Zinszuschüssen an unsere Schuldner.
Diese Staaten verarmen zusehends. Sie sehen sich gezwungen, zur
Entschuldung ihre Ressourcen auszubeuten und ihre Bürger die soziale
Existenz über eine große Kinderzahl zu sichern. So verschwinden
Regenwälder, explodiert die Bevölkerung, entstehen Krisen über
Krisen, ökologische und politische. Die sich anbahnende
Klimakatastrophe, die Flüchtlingsströme in die reichen Länder dieser
Erde und das Anwachsen von Gewalt und Kriminalität, die Bereitschaft
zu Krieg und Terrorismus sind sichtbare Zeichen dieser Entwicklung, die
immer häufiger als "3.Weltkrieg, den der Norden gegen den Süden
führt", oder als "Neokolonialisierung" bezeichnet wird.
Und sie sind Auswirkungen von Ungerechtigkeiten in dieser Welt, die
wiederum Ursache für die ständige Gefährdung des Friedens sind.
"Über
Geld redet man nicht". Es ist also ein Tabu, das unsere Welt
gefährdet. Und es ist unser Denken, an das wir von Geburt an gewöhnt
worden sind. "Geld muss arbeiten !" oder "Wie hoch ist
die Rendite ?" sind alltägliche Formulierungen, ohne dass uns
dabei bewusst wird, dass sich dadurch unsere Wirtschaft zusehends am
Bedarf der Kapitalbesitzer und nicht an den Bedürfnissen der Menschen
orientiert. Dies führt zu einem ständigen Geldstrom vom arbeitenden
zum Geld besitzenden Bürger, der seinen Reichtum auf diese Weise
ständig mehrt, leistungslos (s.
das Anwachsen der Bankzinserträge in Diagr.5a und Diagr.5b die vor
allem den Geldbesitzern zufließen). Die eigene
"Leistung" besteht allein darin, dass er Geld, von dem er
mehr als nötig besitzt und das ursprünglich der Gesellschaft als
Tauschmittel gegeben wurde, zur Verfügung stellt. So werden Reiche
reicher auf Kosten der Armen, die ärmer werden. So werden die
Ansprüche an die sozialen Leistungen des Staates höher. Seine Verschuldung wächst in astronomische
Höhen (auf 1,4 Billionen = 1.400.000.000.000 € in 2004, um
2.660 € pro Sekunde, seit 1950 um durchschnittlich fast 10% pro Jahr,
sie verdoppelt sich also alle 7 Jahre!) (Diagr.6)
Steuer- und
Gebührenerhöhungen und fast jährlich neue Rekordzahlen an
Insolvenzen sind die Folge. Die Kurven für die Zinssätze und für die
Entwicklung der Arbeitslosigkeit zeigen eine fatale Parallelität. So
sehen sich Präsidenten westlicher Industrienationen gezwungen, durch
die Welt zu reisen und in erniedrigender Weise um "Jobs" zu
betteln oder auf den Abbau von handelspolitischen Schranken zur Rettung
des eigenen Wachstums zu drängen. Einsparungen, Personalabbau,
Verlängerung der Arbeitszeit sind weitere Versuche von
Wirtschaft und Staat, die Nase über Wasser zu halten. Die
Arbeitslosigkeit und vor allem die Verschuldung der öffentlichen Hand
werden deshalb weiter wachsen und allen Bürgern zusätzliche
Leistungen aufbürden. Schon heute wird im Durchschnitt jeder dritte
Euro, den wir ausgeben, durch Zins und Zinseszins erzwungen. So
bezahlen ca. 85% aller Bürger mehr für Zinsen, als sie für
Ersparnisse einnehmen.
Als Ausweg aus der Misere
wird oftmals die Entschuldung der öffentlichen Hand angesehen. Selbst
wenn es gelänge, die astronomische Staatsverschuldung zu
reduzieren, müssten sich Unternehmen und Privathaushalte
entsprechend höher verschulden. Denn ohne die ständige
Rückführung der Geldvermögen über Schulden in den Kreislauf der
Wirtschaft würde diese deflationär zusammenbrechen!
Bei diesen Überlegungen haben
die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die aufgrund der deutschen
Vereinigung entstanden sind, bisher keine Rolle gespielt. Sie kommen
noch Problem verschärfend, aber keineswegs Problem verursachend
hinzu.
Die Lage spitzt sich zu. Die
Gesellschaft - nicht nur in Deutschland - dividiert sich
auseinander: Jung gegen Alt, Ost gegen West, Arbeitsplatzinhaber gegen
Arbeitslose, Gesunde gegen Kranke ... Demonstrationen und Proteste
(z.B. geg. Hartz IV) künden von "heißen gesellschaftspolitischen
Zeiten", die längst angebrochen sind und ungute
Erinnerungen an unheilvolle Ereignisse im 19. und 20. Jahrhunderts
wecken.

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Diagr.5
Diagr.5a

Diagr.5b

Diagr.5c
Diagr.6 |
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04.12.2006 |
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